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Palliative Sedierung – wie meine Freundin starb – eine Aufgabe für eine Sterbeamme

Meine Freundin war 72 Jahre alt und ungelogen, sie sah aus wie 50. Sie war durchtrainiert, Windsurferin und Hundetrainerin. Und hatte sich in den letzten zwei Jahren aus einer großen Enttäuschung, die in einer Trennung von ihrem Mann endete, herausgearbeitet. Sie war voller Pläne, noch einmal richtig ihr Leben zu genießen.

Im Februar 2025 fühlte sie sich auf einmal schwach, wie bei einer Grippe. Als die Symptome sich stetig verschlimmerten, suchte sie ärztliche Hilfe auf und bekam die Diagnose Akute Leukämie gestellt. Daraufhin ging es rapide bergab. Nach einer Chemotherapie infizierte sie sich und rutschte in ein dreimonatiges Koma, in dem sie nichts ausließ: Lungenentzündung, Sepsis, Darmverschluss etc. Als sie aufwachte, war sie um zwanzig Jahre gealtert und konnte sich nicht mehr bewegen. In den darauffolgenden Monaten kämpfte sie sich mühsam ins Leben zurück, gelangte aber nie mehr zur Selbstständigkeit. Im Dezember verlor sie den Lebensmut. Sie entschloss sich zu sterben und meldete sich in einem Hospiz an.

Ich besorgte ihr einen Platz in dem Hospiz, in dem ich arbeite. Es fiel ihr schwer, von ihrem Haus Abschied zu nehmen, aber als sie im Hospiz ankam, war sie begeistert. „Sie lesen einem ja die Wünsche von den Lippen ab und das Essen ist auch großartig!“ Sie lebte ein wenig auf, bekam viel Besuch von ihren Freunden. Aber – sie war voller Gram und Bitternis mit dem, was sie im Vorfeld hatte erleiden müssen. Sie hatte sich vorgestellt, noch mindestens 10 gute Jahre zu haben, in ihrem Zustand vielleicht noch mehr. Sie hatte Reisen geplant, Freiheit und Unbeschwertheit zu leben. Und dann dieser Schlag. Sie fühlte sich ungerecht behandelt und war voller Zorn auf ihr „Schicksal“. Und deshalb wolle sie jetzt schnell die „Biege machen“, einschlafen und nichts mehr spüren und außerdem gäbe es ja sowieso nur Materie, dann wäre man einfach fort. Und das wolle sie mit einer palliativen Sedierung hinter sich bringen. Eine palliative Sedierung bedeutet, dass durchgehend ein Medikament gespritzt wird, das einen in einen tiefen Schlaf versetzt. Dadurch, dass man nicht mehr isst und trinkt, führt dieser Zustand dann irgendwann zum Tod.

Ab da begann unser Crash-Kurs. Ich wollte ihr keine andere Jenseitsvorstellung überstülpen, aber schlug ihr vor, Plan A und Plan B zu haben. Falls alles vorbei ist, dann wäre es ja wie Tiefschlaf. Aber was ist, wenn nicht alles vorbei ist? Wenn wir in Wirklichkeit geistige Wesen in einem Erdenanzug sind und es auf einer anderen Ebene weiter geht? Meine Freundin konnte sich auch auf diesen Gedanken einlassen. Ich gab ihr zu bedenken, dass es nicht förderlich sein kann, mit so viel Bitternis, Wut und Harm dieses Leben zu beenden. Vor allem habe ich öfter die Beobachtung gemacht, dass ein Sterbeprozess mit diesen ungelösten „Baustellen“ langwierig und quälend werden kann. Wir versuchten, den Blick auf ihr gelebtes Leben auf die positiven Dinge zu richten. Und da gab es zahlreiche. Stundenlang zeigte sie uns Fotoalben und erzählte von ihren geliebten Hunden, von ihren Reisen und ihrem Beruf. Mit diesem Lebensrückblick stellte sich langsam Frieden in ihr ein. Sie verschob den Termin ihrer Sedierung – sie könnte es nicht – sie hätte Angst. Ich unterstützte sie, sich mit ihrem Entschluss lediglich aus ihrem Verstand heraus, keinen Druck zu machen, sondern den Apfel ganz langsam reif werden zu lassen. So fing sie an, ihre Zeit im Hospiz noch zu genießen. Sie wertschätzte die Besuche ihrer Freunde, holte Erinnerungen hoch, hörte ihre Lieblingsmusik und weinte viel. Sie fühlte, was da hochkommen wollte und die sichere Umgebung des Hospizes gab ihr dazu die Möglichkeit, sich fallenzulassen.

Am 30. Dezember war es soweit, dass sie nun verkündete, dass sie bereit wäre, zu gehen. Sie merkte innerlich, dass sie immer schwächer wurde. Wir hatten den Auflösungsprozess des Sterbens besprochen und wir hatten eine Landkarte entworfen, was sie im Nachtod erwarten könnte. Sie entschloss sich, am 2. Januar mit der Sedierung zu beginnen und wünschte sich, dass ich dabei wäre. So wie sie am 30.Dezember noch den gesamten Nachmittag im Rollstuhl saß und sich mit uns unterhielt, stand sie am 31. auf einmal nicht mehr auf. Sie beteiligte sich sporadisch am Gespräch, aß nur noch den Krabbencocktail des Silvestermenüs. Neujahr war sie fast nicht mehr ansprechbar. Sie war deutlich in sich zurückgezogen, durchlebte auf natürliche Art und Weise ihren Prozess. Aber signalisierte mir, sie wolle dann morgen die palliative Sedierung.

Am 2.1. starb sie um 5 Uhr in der Früh. Ganz friedlich, ohne irgendein Medikament. Um diese Uhrzeit lag ich wach in meinem Bett und es zog eine starke Sturmböe ums Haus. Ich dachte bei mir, wer weiß, ob sie sich vielleicht jetzt auf die große Reise begeben hat. Ihr Freund, der die Nacht bei ihr saß, schrieb mir später, dass sie mit einer Sturmböe um 5 Uhr gegangen wäre… Wie magisch, oder?

Wir verabschiedeten sie, ich richtete sie noch schön her und tatsächlich – sie hatte ihr jugendliches Aussehen zurück. Nun reist sie vielleicht an Orte, die sie sich hat nie vorstellen können. Ich wünsche es ihr und bin glücklich, dass sie ihren inneren Frieden gefunden hat und im Einvernehmen und mit der Annahme mit dem gehen konnte, was in ihrem Leben geschehen war. Ganz von selbst, ohne Hilfe von außen. Wie schön!

Fragen, die daraus entstehen…

Ihr Sterben berührt mich. So viel Transformation in so kurzer Zeit. Sie hatte jemanden an ihrer Seite, die einen Crashkurs mit ihr durchführte. Sie war offen und sehr bereitwillig, alles aufzusaugen und zu überprüfen. Aber die Frage steht im Raum:

  • Wie bin ich vorbereitet auf meine eigene Reise?
  •  Habe ich einen „Reiseplan“ für das Leben, das Sterben und das Los- und Zulassen?
  • Wie blicke ich auf mein gelebtes Leben?
  •  Wo halte ich noch an Widerstand fest?
  • Weiß ich um die Prozesse, die einen Sterbeprozess kennzeichnen?
  • Kann ich meine Angst wandeln in Zuversicht, Spannung und Neugierde verwandeln?
  • Habe ich jemanden, der mich begleitet?

Wie wäre es, wenn wir gemeinsam einmal darüber sprechen?

Was wir daraus lernen können…

Versuche möglichst, Dir keine genauen Vorstellungen von Deiner Zukunft zu machen. Bleibe im Hier und Jetzt und lasse es sich entwickeln. So bleibst Du in der Lage, Dich stets an die jetzige Lage anzupassen. Meine Freundin hatte genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft gehabt. Als diese nicht eintrafen, kamen die Emotionen aus dem kindlichen Dasein. Emotionen, die wir hatten, wenn wir nicht das bekommen, was wir unbedingt wollten, wie Ärger, Wut, Hadern und das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein.

  1. Sollten diese Emotionen auftreten, ist es gut, sie zu fühlen. Sie so lange durchzufühlen und anzunehmen, bis sich eine innere Stille einstellt. Damit lösen wir alte Traumen auf.
  2. Keine Vorstellungen zu haben, heißt nicht, keine Ziele mehr zu haben. Zielsetzungen entstehen in der Präsenz, es bedeutet dann auch, sie zu planen.. Zu schauen, welche Möglichkeiten und Fähigkeiten habe ich und welche muss ich noch schaffen. Wo und wann stehe ich an welcher Stelle? Damit gebe ich meinem Leben eine Richtung.
  3. Wenn ich nur auf die vergangenen Ereignisse schaue, mit denen ich nicht einverstanden war, dann nehme ich mir die Möglichkeit, im Hier und Jetzt die Geschenke mitzubekommen, die mir das Leben jeden Tag bietet. Als meine Freundin anfing, Frieden mit ihrem gelebten Leben zu schließen, bekam sie auf einmal mit, wieviel Wertschätzung ihr von ihren Freunden und von den Hospizmitarbeitern entgegengebracht wurde. Das beglückte sie und sie stieg aus dem Mangelfeld aus.
  4. Wenn wir viel leiden, möchten wir am liebsten sofort aussteigen. Aus dieser Bewegung heraus wollte meine Freundin sofort zum Sterben „gebracht werden“. Es war eine Entscheidung aus ihrem Verstand heraus. Meiner Meinung nach ist es nicht förderlich, solch eine Entscheidung aus dem Druck seiner eigenen Gedanken zu treffen. Es ist besser, die Dinge reifen zu lassen, bis jede Zelle in einem zu diesem Schritt bereit ist. Meistens – und wir haben es an ihrem Beispiel gesehen – braucht man dann keine palliative Sedierung mehr, um gehen zu können.
  5. Weiterhin bin ich der Meinung, dass wir geistig unseren Sterbeprozess einleiten können. Wenn wirklich alles durchgearbeitet ist, wenn wirklich alles bereit ist, sich vom Irdischen zu lösen, dann zieht der Körper nach. So war es auch bei meiner Freundin. Ihr körperlicher Verfall vollzog sich in anderthalb Tagen rasant, so dass sie letztendlich ohne medikamentöse Hilfe gehen konnte.  Dass Menschen ihren Sterbezeitpunkt beeinflussen können, habe ich nun schon häufig beobachten können. Wenn wir uns das bewusst machen und uns gut vorbereiten, dann bräuchten wir keine aktive Sterbehilfe – wir wären unabhängig und vollkommen selbstbestimmt.
  6. Ob es gut ist, mit Medikamenten einen frühzeitigen Tod herbeizuführen, möchte ich einfach nur als Diskussionspunkt hinstellen. Ich kann gut verstehen, wenn man in leid- und schmerzvollen Situationen nach dieser Lösung greift. Dennoch bin ich froh, dass meine Freundin es geschafft hat, zur Annahme ihres Leidens zu kommen. Sie ist ihm nicht ausgewichen, sondern hat sich noch einmal damit konfrontiert, hat viel darüber geweint und getrauert, bis sie auch das zu ihrem Leben gehörend aufnehmen konnte.
  7. Beschäftige dich im Vorfeld mit dem Thema Tod und Sterben. Untersuche, ob wir nur materielle oder auch geistige Wesen sind. Es gibt mittlerweile so viele Informationen über diese Bereiche, dass diese Auseinandersetzung spannend sein kann. Meine Freundin hatte sich in ihrem Leben damit nie befasst und deshalb sage ich, war es ein Crashkurs für sie. Auf dem Hintergrund eines geistigen Weltbildes konnte sie sehr viel beruhigter ihre Reise angehen.

Anke Gerstein

Anke Gerstein ist examinierte Krankenschwester mit langjähriger Erfahrung in der Palliativpflege und Hospizarbeit, unter anderem auf einer Palliativstation sowie seit 2017 im Elisabeth-Hospiz Lohmar. Ergänzend zu ihrer pflegerischen Fachkompetenz hat sie sich über viele Jahre in seelisch-spiritueller Sterbebegleitung, als Sterbeamme sowie in Trauerbegleitung (auch für Kinder und Jugendliche) weitergebildet. Als Heilpraktikerin für Psychotherapie verbindet sie achtsame Gesprächsbegleitung mit hypnotherapeutischen Ansätzen (u. a. Yager Code, MindTV) und persönlichkeitssensibler Arbeit (u. a. Einführung in NARM). Seit 2019 ist sie teilselbstständig mit ihrer Heilpraxis Lebensfülle tätig.

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